105 Studienobjekt Supernova Motorcity
Vom Dorf zur Stadt und zurück!
Ein Dorf. Unbedeutend. Bis 1859 ein 22-jähriger Rüsselsheimer nach Paris ging und zurück kam. Letzters ist heute undenkbar. Zurück mit dem festen Willen eine eigene Nähmaschine zu bauen. Im Kuhstall seines Onkels, weil ihn der Vater aus der Schlosserwerkstatt warf mit seinem »neumodischen Zeugs«.
Industrialisierung. Die Stadt explodiert. Weltgrößte Fahrradproduktion. Autos. Der Weltkonzern General Motors kauft das Werk. Im Weltkrieg ist man kriegswichtig und wird bombardiert. Wiederaufbau. Wirtschaftswunder. Vollbeschäftigung. Opel ist führend im Automobilmarkt. Babyboom. Diplomat V8, Commodore, Manta, Ascona, Kadett. Die Steuereinnahmen sprudeln. Rüsselsheim gehört zu den reichsten Städten der Republik. Man baut. Schwimmbäder, Kirchen, Sporthallen, Schulen, Einkaufszentren, Fußgängerzonen, Wohngebiete.
Rüsselsheim wirde so schnell zusammengebaut wie ein Auto. Alles wird zugeschnitten auf
die Bedürfnisse der Automobilproduktion. Man sieht die Spuren dieser Planung noch heute im ganzen Stadtbild.
Im Jahr 2000 rechnet man mit 100.000 Einwohnern - dazu fehlen heute noch immer 40.000.
Ölkrise, Globalisierung, Produktionsverlagerungen, Entlassungen. Ende der Goldgräberstimmung. Das Werk nutzt nur noch 20% seiner Fläche und Arbeiter. Einst steuertechnisch die reichste Stadt der Republik, teilt Rüsselsheim seit Jahren das Schicksal der sie prägenden Industrie - man ist im Rückwärtsgang unterwegs - und das mit Vollgas. Die aufgeblähte Infrastruktur entbehrt einer realen Nachfrage.
Schwimmbäder, Wohnheime und Geschäfte schließen. Übrig bleibt eine
architektonische Hülle die nicht so schnell schrumpfen kann wie das
Leben in ihr. Braindrain. Der Vorort von Frankfurt verkommt zum
Hinterhof des Rhein-Main-Gebietes.
Hier haben wir angefangen Magazine zu machen.
Das M55
Ein Lifestyle- und Satiremagazin. Es begleitet seit 1999 die Wirren in Motorcity. Wegen uns mussten Bürgermeister gehen, Kulturamtsleiter wurden geschasst und ganze Kulturämter aufgelöst. Als geistiger Brandstifter tituliert, aus Veranstaltungen geworfen und mit Unterlassungsklagen, Prozessen und Hausdurchsuchungen bedacht hat sich das M55 einen Namen über die Stadtgrenzen hinaus gemacht.
Rüsselsheim war spannend, voller historischer Widersprüchen und Heimat einer lebendigen Kulturszene.
Heute ist es in seinen unmotivierten und inkompetenten Versuchen der
Entwicklung entgegenzusteuern bedingt unterhaltsam. Der Prototyp einer Stadt, die stets der "Umstrukturierung" hinterherhinkt. Ein Studienobjekt.
Motoren- und Getriebewerk
Das M55 ist benannt nach dem gleichnamigen Gebäude im weitläufigen Komplex der Adam Opel AG. Ehemals das große Motoren- und Getriebewerk. Erbaut in einer Zeit, in der man die systematischen Gebäudebezeichnungen aus Zahlen und Buchstabenkombinationen noch voller Stolz als Leuchtreklame an der Fassade anbrachte.
Der große, stolze 75.000 qm einnehmende Stahl-Skelettbau, eingebettet
in rotem Backsteindesign, ist heute weitgehend leergeräumt. Nur die
architektonische Anlage zeugt noch von der imensen Betriebsamkeit, die hier
einmal geherrscht haben muss.
Die Halle ist im Zuge einer Produktionserweiterung mit weiteren
Gebäudekomplexen des Adam- Opel-Werkes um 1956 entstanden. Zu Zeiten
produktiver Aktivität beherbergte das Motorenwerk 55
Transfer-Maschinenstrassen und 1.175 Einzelmaschinen. In zwei Schichten
mit jeweils 1.000 Arbeitern, konnten in dieser Halle bis zu 1.800
Motoren und Getriebe pro Tag hergestellt werden.
Über Transferstrasse durchlief der Motor seinen Montageprozess. Dabei
waren die Arbeitsgänge möglichst stark unterteilt und mechanisiert, so
dass eine reibungslose Kooperation von Monteur und Maschine
gewährleistet war. Anschließend wurde der Motorblock in einem
speziellen Hochdruck-Heißöl-Spülverfahren "eingefahren", bevor ihn ein
Zentralrelais in die restliche Produktionsfolge weiterleitetete . Nach
Probelauf und ausführlichen Kontroll- bzw. Einstellarbeiten konnte der
Motor dann zum Werk K40 befördert werden .
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Rüsselsheim ist nicht Rüdesheim - und das ist auch gut so!
Rüsselsheim ist historisch hochspannend mit einer ganz eigenwilligen
städtebaulichen Entwicklung, eine Stadt der Extreme und auch ein bisschen
trashig. Wer sich für die automotive geprägte Geschichte dieser Stadt
interessiert wird begeistert sein.
Achtung: Für Opel-Fans bieten wir ganz spezielle Führungen an.
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Die Kosten richten sich jeweils nach dem Umfang der Führung.
















